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Myasthenia Gravis – Muskeln verstehen die Nerven nicht mehr

Myasthenia Gravis

Myasthenia Gravis ist eine seltene Autoimmunerkrankung, bei der die Signalübertragung vom Nerv zum Muskel nicht mehr richtig funktioniert. Sie äußert sich in einer Muskelschwäche, die bei jeder Patientin oder jedem Patienten und von Tag zu Tag anders verlaufen kann. Betroffene, die mit der Erkrankung sarkastisch umgehen, schließen hin und wieder Wetten ab, welche Musklen wohl heute den Geist aufgeben.

Was ist Myasthenia Gravis?

Bei der Myasthenia Gravis erreichen die von den Nervenzellen gesendeten Signale die Muskeln nur in einer abgeschwächten Form oder gar nicht. Die Folge ist eine Muskelschwäche. Der Grund dafür ist das eigene Immunsystem, das diese Signalweiterleitung blockiert. Die Myasthenia Gravis ist also eine Autoimmunerkrankung. Übersetzt heißt Myasthenia Gravis schwere Muskelschwäche.

Wie funktioniert die Muskelerregung bei Gesunden?

Um Muskeln zur Bewegung zu bringen, schütten Nervenzellen über ihre Synapsen Botenstoffe aus. Der Name dieser Botenstoffe lautet Acetylcholin. Die Muskelzellen besitzen auf den zur Nervenzelle gelegenen Oberflächen Andockstellen für die Botenstoffe. Diese Andockstellen heißen Acetylcholinrezeptoren. Die Bindung von Acetylcholin an die Rezeptoren führt zur Erregung der Muskelzellen. Der Muskel zieht sich zusammen und kann seiner Aufgabe nachgehen.

Was läuft im Körper bei der Myasthenia Gravis falsch?

Die meisten Betroffenen mit einer Myasthenia Gravis weisen Antikörper auf, die sich an die Acetylcholinrezeptoren heften. Das löst allerdings nicht den gleichen Effekt aus wie die Bindung von Acetylcholin. Stattdessen blockieren die Antikörper die Rezeptoren, sodass weniger Acetylcholin binden kann und das Signal nicht mehr in vollem Ausmaß die Muskelzellen erreicht.

Das Prinzip ist vergleichbar mit einem zugeklebten Briefkasten. Der Postbote kann den Brief nicht mehr einwerfen und legt ihn stattdessen pflichtbewusst, wie Postboten eben sind, davor ab. Eine Windböe weht den Brief weg und die Informationen kommen nicht beim Empfänger an. Folglich kann der Empfänger auch nicht auf den Brief reagieren.

Welchen Schaden richtet das Immunsystem an?

Da Antikörper eine wichtige Funktion des Immunsystems übernehmen, bleibt es nicht allein bei der Blockade. Die Antikörper dienen als Markierung, sodass Immunzellen die Rezeptoren als feindlich einstufen und diese bekämpfen. Es gibt also immer weniger Möglichkeiten für das Acetylcholin, seine Botschaft an die Muskelzellen zu übermitteln.

Außerdem verändert sich mit der Zeit die Struktur der Nerv-Muskel-Verbindung. Dadurch findet das Acetylcholin den Weg zu den Rezeptoren nicht mehr so leicht. Das Enzym mit dem Namen Acetylcholinesterase fängt den Botenstoff ab, bevor es sein Ziel erreichen kann. Dieses Enzym ist für den Abbau des Acetylcholins zuständig. Normalerweise allerdings erst, nachdem das Acetylcholin seine Botschaft überbracht hat. Für den Vergleich mit dem Briefkasten heißt das, dass der Postbote den Brief nur noch verwirrt in den Vorgarten schmeißt und der Wind hat leichteres Spiel, den Brief wegzuwehen.

Gibt es verschiedene Formen der Myasthenia Gravis?

In weit weniger Fällen richtet sich das Immunsystem der Erkrankten nicht gegen den Acetylcholinrezeptor, sondern gegen andere Beteiligte der Signalübertragung zwischen Nerv und Muskel. Das Ergebnis ist aber gleich. Die Muskelzellen erhalten ihr Signal zum Anspannen nicht und bleiben schlaff.

Welche Symptome treten bei Myasthenia Gravis auf?

Bei vielen Betroffenen äußert sich die Myasthenia Gravis zunächst als Lidschwäche. Sie haben häufig einen Schlafzimmerblick, weil sie ihre Augen aufgrund der geschwächten Lidmuskeln nicht mehr ganz offenhalten können. Wenn andere Augenmuskeln betroffen sind, kann auch das Schließen der Augenlider unmöglich sein oder es zum Sehen von Doppelbildern kommen.

Seltener beginnt die Myasthenia Gravis mit Schluckstörungen oder Problemen beim Sprechen. Bei wenigen Erkrankten betreffen die anfänglichen Symptome die Gliedmaßen. Im Verlauf der Krankheit kann aber jeder Muskel irgendwann ausfallen, der der bewussten Steuerung unterliegt. In schlimmen Verlaufsformen ist auch die Atemmuskulatur betroffen.

Betrifft die Schwäche alle Muskeln im Körper?

Der Herzmuskel und die sogenannte glatte Muskulatur bleiben von der Myasthenia Gravis verschont. Denn diese Muskeln unterliegen einem anderen System der Signalweiterleitung. Die Antikörper passen dort einfach nicht und können folglich auch keinen Schaden anrichten. Zur glatten Muskulatur gehören Muskeln, die sich wie die Blutgefäßmuskeln nicht bewusst bewegen lassen.

Wie ist der Verlauf der Myasthenia Gravis?

Eine Myasthenia Gravis kann jeden Tag eine neue Überraschung bringen. Denn die Symptome können jederzeit an Stärke zu- oder abnehmen und ebenso verschiedene Muskelgruppen betreffen. Heute Morgen ist womöglich noch alles in Ordnung, abends macht dann das linke Auge schlapp. Am nächsten Tag wollen die Beine nicht mehr, aber das Auge ist wieder offen. Körperliche und psychische Belastungen können die Symptome verschlimmern. Es besteht jedoch die Hoffnung, dass beschwerdefreie Phasen auftreten oder die Krankheit sogar ganz zum Stillstand kommt.

Welche Faktoren können eine Myasthenia Gravis verursachen?

Der genaue Auslöser der Myasthenia Gravis ist unbekannt. Im Verdacht steht die Thymusdrüse. Der Thymus ist ein kleines Organ des Immunsystems, das oberhalb des Herzens liegt. Manche kennen ihn eher als Bries. Bei den meisten Personen mit Myasthenia Gravis ist der Thymus auffällig. Aktuelle Forschungsergebnisse lassen vermuten, dass er für die Bildung der fehlgerichteten Antikörper verantwortlich ist. Warum genau das Immunsystem hier fehlgeleitet ist, ist jedoch noch nicht bekannt.

Wie sieht die Therapie der Myasthenia Gravis aus?

Wenn kein selbstständiger Stillstand der Myasthenia Gravis eintritt, kann eine Entfernung des Thymus Abhilfe schaffen. Ansonsten können Medikamente die Symptome lindern, indem sie das Immunsystem unterdrücken oder das Enzym Acetylcholinesterase hemmen. Durch Hemmung des Enzyms kann das Acetylcholin länger am Ort des Geschehens bleiben und die Rezeptoren auffinden, die von den Antikörpern noch verschont geblieben sind.

Dieser Artikel dient nur zu Deiner Information. Er ermöglicht keine Selbstdiagnose und ersetzt keinen Arztbesuch. Nur ein Arzt kann Dich verlässlich und verbindlich untersuchen und diagnostizieren.
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